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Ungereimtheiten: Von der Leyen im Spiegel-Interview
Eine grundsätzliche Einschätzung des Beschwichtigungsversuchs von von der Leyen im Spiegel-Interview hat hier schon stattgefunden. An dieser Stelle soll auf einzelne Stellen im Interview eingegangen werden, die aufhorchen lassen.
Alle Zitate sind dem Interview auf Spiegel online entnommen. Fragen des Spiegel sind kursiv.
Richterliches Gehör unnötig?
Wir sprechen nur über den Straftatbestand der Kinderpornografie, der geregelt ist im Paragraf 184b StGB. Und dieser Straftatbestand muss nicht täglich durch einen Richter noch einmal wiederholt werden.
Und Sie meinen, es führt zum Ziel, wenn in jedem einzelnen Fall ein Richter entscheidet: Ja, es ist 184b.
Ursula von der Leyen spricht sich hier gegen eine richterliche Kontrolle der Sperrliste aus. Das ist nichts neues. Es klingt aber auch an, dass von der Leyen auch für unnötig halten könnte, dass überhaupt ein Richter sich - etwa in einem Verfahren - die Sperrliste anschauen solle, sich also von der Legitimität oder Illegitimität der Sperrung überzeugen kann.
Vor allem im Zusammenhang mit der Auffassung, bereits das Anschauen der Stopp-Seite (auch unbeabichtigt) sei strafbar, ergeben sich hier Horrorszenarien staatlicher Zensur.
Netz gegen Kinderporno: Eingeschlafen?
Sie hatten auf SPIEGEL ONLINE vor vielen Jahren die Aktion "Netz gegen Kinderporno". Ich frage mich, warum diese Aktivitäten eingeschlafen sind.
Frau von der Leyen hat sich nicht informiert, über was sie redet oder argumentiert bewußt falsch. Das "Netz gegen Kinderporno" wurde 1998 von heise.de als unabhängige neutrale Meldestelle eingerichtet, bei der Internetbenutzer Seiten mit kinderpornographischem Inhalt melden konnten. "Netz gegen Kinderporno" reichte diese Meldungen dann anonymisiert an die Strafverfolgungsbehörden weiter. Grund für diesen Zwischenschritt war, dass aufgrund der damaligen Rechtslage vereinzelt Ermittlungen gegen diejenigen, die kinderpornographische Inhalte bei der Polizei meldeten, eröffnet wurden.
Das Vertrauensverhältnis zu den Strafverfolgungsbehörden war damals nicht sehr stark.
Das LKA Nordrhein-Westfalen hat in der Folge der Aktion mitgeteilt, dass zukünftig "gegen Zufallsfinder von kinderpornographischen Schriften in Online-Diensten und Datennetzen generell keine Ermittlungsverfahren eingeleitet werden". Damit hatte die Aktion ihre Ziele erreicht und die Meldestelle "Aktion gegen Kinderporno" wurde eingestellt.
Wenn Frau von der Leyen mit Hinweis auf die nicht mehr existierende Aktion nach den "vielbeschworenen Selbstreinigungskräfte des Netzes" fragt, ist die scheinheilig. Die Selbstheilungskräfte des Netzes wurden nämlich durch die damalige Rechtslage beeinträchtigt. Mit ihrem Vorhaben ist Frau von der Leyen auf bestem Wege, die Selbstheilungskräfte des Internet und das Vertrausenverhältnis zu den Strafverfolgungsbehörden nachhaltig massiv zu stören.
Transparenz verbessern?
[...] ich nehme die Petition sehr ernst, zum Beispiel den Vorwurf der unkontrollierten Listen. Wir wollen die Transparenz verbessern. Ich könnte mir gut vorstellen, dass wir ein Gremium mit unabhängigen Experten schaffen, das die Blockierlisten unter dem Mehr-Augen-Prinzip anschaut.
Wer kontrolliert denn die Listen der gesperrten Websites?
Das dürfen nur Leute des BKA oder Jugendschützer, die tatsächlich mit dieser Aufgabe betraut sind. Ich könnte mir aber durchaus vorstellen, und diese Idee ist aus der Diskussion gewachsen, dass ein Gremium mit unabhängigen Experten vor Ort beim BKA Einsicht in die Listen nimmt, ob ausschließlich Kinderpornografie nach Paragraf 184b StGB geblockt wird. Das wäre eine vertrauensbildende Instanz.
Interessant an diesen Passagen ist einerseits die klare Ablehnung einer richterlichen Kontrolle. Stattdessen sollen BKA-Beamte die Maßnahmen des BKA kontrollieren. Noch Fragen?
Am Rande: Warum von der Leyen hier auf einmal "Jugendschützer" (wer ist das?) mit ins Boot holt, ist zwar schleierhaft, aber zumindest merk- und denkwürdig.
Frau von der Leyen beschwichtigt damit, dass sie sich "durchaus vorstellen" kann, ein Gremium mit unabhängigen Experten Einsicht in die Listen nimmt: Das kann alles mögliche bedeuten. Unabhängig heißt dabei gar nichts. Ein Gedanke: Wären die Experten der Deutschen Kinderhilfe nicht auch unabhängige Experten?
Sperren hilft beim Suchen?
Bisher wurden eher sporadisch Seiten gemeldet oder identifiziert. Access Blocking wird die Suche systematisieren.
Was das eine mit dem anderen zu tun hat, bleibt vorerst Frau von der Leyens Geheimnis. Es hört sich aber kompetent an.
Ausweitung der Zensur? Interessiert mich nicht.
Bleiben die Bedenken, ob die Blockade auf andere Bereiche - zum Beispiel Musikdownloads - ausgeweitet wird.
[...] der einzige Tatbestand, nach dem sie [das BKA] ermitteln dürfen, ist der Straftatbestand 184b StGB, nämlich Kinderpornografie, und nichts anderes.
Das können Sie doch gar nicht beeinflussen. In einem Brief an die Macher des Blogs "Spreeblick" schreiben Sie: "Dies und nur dies sind die zu sperrenden Inhalte, über die wir derzeit sprechen." Das kleine Wörtchen "derzeit" lässt aufhorchen. Denn mit dem Blockiersystem des BKA wird eine Zensur-Infrastruktur geschaffen, die sich leicht ausdehnen lässt. Die Musikindustrie hat bereits Begehrlichkeiten angemeldet.
Noch mal. Es geht um Kinderpornografie und nichts anderes. [...] In diesem Gesetzentwurf, zu dieser Zeit, sprechen wir ausschließlich über das. Alles andere interessiert mich nicht. [...]
Es sei hier lediglich auf die Worte "derzeit" "in diesem Gesetzentwurf, zu dieser Zeit" hingewiesen. Ausblick: Die Ausweitung der Zensur kommt zu anderer Zeit, in einem anderen Gesetz, unter Federführung anderer Ministerien.
Schön, wenn man Bedenken nicht wirklich entkräften, sondern einfach aus seinem Zuständigkeitsbereich schieben kann, um dann abschließend zu bemerken: "Alles andere interessiert mich nicht."
Gesperrt? Das merkt man doch.
Eine Kontrollinstanz bedeutet aber doch nicht, dass, wenn eine Seite gesperrt wird, der Betreiber informiert wird.
Nein, denn im Prinzip merkt man es ja sofort. Denn wenn man die Seite anklickt, kommt das Stoppschild.
Diese Aussage zeugt einmal mehr von der Internetkompetenz der Bundesministerin für Familie, Frauen, Senioren und Jugend von der Leyen. - Ein Beispiel: Ich betreue derzeit überschlägig über zehn Websites. Ich habe besseres zu tun, als sie mir alle sechs Stunden anzuschauen.
Weitere Reaktionen auf das Spiegel-Interview
"[...] mehr als »Demagogin« ist zu Ursula von der Leyen nicht zu sagen [...]"
blogdoch.net
"Diese Frau hat mit ihrer offensichtlichen Inkompetenz als Ministerin nichts verloren. Nehmt dieser Frau doch endlich mal ihr Amt weg und setzt jemanden ein, der sich wenigstens auf die Vorschläge der Experten einlässt anstatt sie mit Ausflüchten abzutun, was sie ganz offensichtlich tut. Da wird ein Minimum an Straftaten bekämpft, während der Grossteil scheinbar keine Rolle spielt."
bitmuncher
"Ich muss ja zugeben, dass ich eine ganze Zeit lang Frau von der Leyen und ihre Arbeit geschätzt habe. Aber die jüngste Zeit hat all ihr Ansehen, das sie bei mir hatte, zunichte gemacht. Das gestern veröffentlichte Intervieww auf Spiegel Online ändert daran leider nichts [...]."
blaustrosphobie.de
"Spiegel Online hat Ursula von der Leyen interviewt. Das ist überaus lesenswert. Sie hat Kreide gefressen, ihre PR-Agentur arbeiten lassen und will ihr Image retten. Von 'ich wollte nur' bis 'ich habs doch nicht so gemeint' muss Mutter Beimer ihren Griff ins Klo rechtfertigen - und versagt nach wie vor auf ganzer Linie."
netzpolitik.org
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4 Kommentare
Natürlich findet jeder normale Mensch Kinderpornos abartig und unter Strafe gestellt.
Ich war neulich auf einem Seminar als einziger nicht Fahnder mit lauter Leuten von BKA LKA ...usw. Ich glaube dass die Leute sich jetzt schon richtig freuen: Zitat: Dann treten wir eben noch mehr Türen ein.
Vorallem weil die Staatsanwaltschaft ja ehr konservativ ist, ein Fahnder musste 50000 Kinderpornos ausdrucken und in Ordner abheften weil der Staatsanwalt keine CD akzeptiert. Ich hätte kotzen können, aber bei dem Generalverdacht wird mir Angst und Bange.
Und wie schnell ist ein Server infiziert und man landet auf so einer Seite. Das Ergebnis ist die Total Überwachung, die mit einem guten Grundgedanken "Kinderpornos bekämpfen " angefangen hat.
gute nacht Deutschland morgen sind wir China.
plaque
Einerseits geht man kaum gegen Staaten vor, die in BKA Berichten immer wieder als Produktionsstaaten genannt werden, z.B. Belarus, Moldawien, Ukraine. Nach Expertenmeinung tauchen ja gerade Seiten aus diesen Ländern NICHT in der Sperrliste auf.
Obwohl dort angeblich so viel KP produziert wird.
Wie passt dies zusammen ?
Dann tut von der Leyen in der Presse so, als wenn KP nur grausame Gewaltpornographie mit Kleinkindern wäre. "Zerfetzte Körper, schreiende Babys, dies ist Kinderpornographie".
So definiert sie persönlich vielleicht KP. Gegen die Sperrung solcher Seiten hätte ich nichts, sofern die Urheber solcher Abscheulichkeiten auch verhaftet werden.
Der Gesetzgeber definiert KP aber ganz anders.
Welcher Bürger weiß schon, daß darunter selbst Comics oder Fantasietexte, ja jetzt sogar private Aufnahmen legaler sexueller Handlungen Jugendlicher fallen ? Mit dem "Lex Jugendporno" hat man ein Einfallstor für jede willkürliche HD geschaffen.
I.d.T. sind die meisten Ermittler, besonders die Höheren und die Oberstaatsanwälte, in D stockkonservativ. Schon Ende der 90er Jahre hörte ich Sätze wie " Porno = Kinderporno ", oder " FKK Anhänger sind ja oft auch Pädophile ", usw.
Unter Kleinanzeigen wie "Filmklassiker auf Video gesucht" vermutete man sonstwas.
Nur ist für flächendeckende HD und Ermittlungsverfahren gar kein Personal da. Wo soll daß denn herkommen ? Schon nach der alten §184er Fassung, die KP als Pornographie mit unter 14-jährigen definierte, hat die Auswertungszeit bis zu 3 Jahre betragen. Diese JP Richtlinie wurde auch deshalb gefordert, um diese Bearbeitungszeit drastisch abzukürzen, denn ganz vieles ist sofort als illegale "Kinder-und Jugendpornographie" (O-Ton eines OSta aus Berlin ) zu erkennen. Man beachte die Gleichsetzung. Dabei dürfen Jugendliche laut Gesetz Sex haben, während Kinder davor geschützt werden.
Vergessen haben sie dabei nur, daß es viel, viel mehr Zweifelsfälle im Bereich 17 oder 18 gibt, als im Altersbereich 13 oder 14. Die Abgrenzung legale/illegale Pornographie war hier viel einfacher. Mal vom Unsinn abgesehen, Filmaufnahmen legaler sexueller Handlungen unter Strafe zu stellen.
Ihr Artikel beschreibt die Problematik FAST genau.
Ich zeige Ihnen hier ein Szenario
das bestimmt sehr unlustig ist, aber in diesem Land möglich. Noch hat man "uns" nicht verboten zu Denken:
Stellen Sie sich vor man schreibt ein Scribt das gezielt solche Seiten anspricht. Ok. Jetzt geschieht das nicht über die eigene IP sondern über sag ich mal eine andere. Die des Nachbarn - und schleusst das Scribt auf einen Server . Der meinetwegen heisst:
" Hausaufgabenhilfe ..@ fanta . Alle Kiddys die Problems mit hausaufgaben haben , klicken mit dem " Familien PC " drauf, und werden weitergeleitet an den
"Schurkenstaatenserver" der steht im Iran ( Warn Witz ) . Jetzt wird ein LogFile beim BKA erzeugt (Das ist ja das was VDL so schön findet... und es nicht verstanden hat )mit der IP vom Familiencomputer. Gut. Das Scribt hat sich blöderweise alles gemerkt und macht das eben jede Minute nochmal.Papa der den Familiencomputer bezahlt hat, wundert sich das
am Ende des Tages das MEK Mobile Einsatzkommando sein Reihenhaus umbaut. Tolle Vorstellung, und blöderweise ist alles auf seiner ext3 Festplatte.
Derjenige der das Scribt über die IP seines Nachbarn an den Appache Server geschickt hat, ist weg.
Genauso wie ich jetzt,
Meine IP Ist ....
Herzlichen Glückwunsch.
you are dead.
Strafrechtlich Du hast lauter LogFiles auf dem Rechner die belegen, dass Du auf solchen Seiten warst,
Und Du hast den Generalverdacht, denn du bist SCHULDIG dass Du auf den Seiten warst.
Aber mal ehrlich:
Warum machen Wir IT ler solche Menschen nicht einfach platt ???
lieben Gruss und ich danke Gott dass ich so tolle Kinder habe - die mich geistig und menschlich immer weiter bringen. Da brauchen wir als Familie echt keine VDL.
plaque
z.B. sagt der Fahnder Frank Puschin in diversen Zeitungsberichten:
"Weser Kurier" vom 13.05, sowie ff. im "Hamburger Abendblatt" und der "Hannoverschen Allgemeinen":
"Dabei suchen wir uns Einschlägiges mit Babys und Kleinkindern heraus, (..) da gibt es kein Rausreden mehr "
Wäre dies wirklich der Fall, dann hätte es die Operation Himmel nie gegeben, denn dort wurden Jugendliche abgebildet, sowie größtenteils Softcore Fotos.
Noch interessanter sind andere Aussagen:
" Verdächtige Dateien verbergen sich hinter unverdächtigen Namen, z.B. Pippi Langstrumpf "
Wer vielleicht "nur" eine illegale Kopie eines Kinderfilms herunterladen wollte, hat dann auf einmal illegale KP heruntergeladen, ohne es zu wollen.
Interessant aber auch:
"Daß der Normalsurfer versehentlich auf einer kinderpornographischen SEITE landet, hält er für nahezu ausgeschlossen. Bei Google wäre alles gefiltert."
Letzteres stimmt nicht ganz, denn bekannt gewordene Fälle, z.B. über T-Online 99, sowie die legendäre Himmel Seite, sind ja auch nicht von Google herausgefiltert worden. Außerdem könnte rein theoretisch jemand jederzeit ein KP Foto posten, sogar im Polizeiforum, dann wird dieses Forum auch nicht herausgefiltert.
Wieder stellt sich eine Frage: Wenn der Google Filter wesentlich effektiver ist, weshalb nutzt man nicht den ? Oder lässt dies durch Google vorfiltern ?
Wie kann man einen KP Filter verteidigen, dessen Fehlerquote bei bis zu 95% liegt ?
Wie kommen völlig legale Firmen in diesen Filter, z.B. ein niederländischer Produzent von Gabelstaplern (!), der in der dänischen Sperrliste war. Wer ist dafür verantwortlich ? Wie kann es sein, daß ein Beamter noch nicht mal die Seiten aufruft, die in der Sperrliste aufgenommen werden ? Im NL TV hieß es, der dänische Beamte,
der den Filter gewartet hätte, hätte diese Seite nie aufgerufen.
Das BKA rechnet ja mit bis zu 1000 Seiten, die sich täglich ändern. Schwer vorstellbar, daß Hunderte Ermittler dies ständig aktualisieren.
Vermutlich sucht sich dann ein Crawler die zu sperrenden Seiten heraus.
Hier wirds dann brandgefährlich, denn dann können dort alle möglichen Seiten landen. Die öffentlich bekannt gewordenen Sperrlisten sprechen leider für diese These.